Der Steinzeitpark Dithmarschen –
Das Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
als Chance für die Archäologie


Von Rüdiger Kelm, Albersdorf

Der Steinzeitpark Dithmarschen hat sich von Anfang seines Bestehens an nicht als
rein bzw. allein museale Institution in der Region, sondern auch als eine die
kulturelle, ökologische und wirtschaftliche (touristische) Entwicklung begleitende und
– soweit möglich – auch fördernde Einrichtung zur Bildung für nachhaltige
Entwicklung (BNE) im Sinne der internationalen Agenda 2030 und der 17 globalen
Nachhaltigkeitsziele für die Region gesehen.
Unter Nachhaltigkeit ist hierbei zu
verstehen, dass die in einer Region agierenden Menschen wirtschaftliche,
ökologische und soziale Standards miteinander verknüpfen und umsetzen, die
gewährleisten, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden
können, ohne dabei die Bedürfnisse der folgenden Generationen zu missachten. Die
Grundlagen der BNE in der Umwelterziehung und in der entwicklungspolitischen
Bildung besonders der 1980er Jahre sind in diesem Ansatz wiederzuerkennen. Der
pädagogische Ansatz der BNE hat dabei zum Ziel, Lerninhalte in neue Beziehungen
zueinander zu setzen und Methoden zu vermitteln, die den erlernten Stoff im
konkreten Fall abruf- und anwendbar werden lassen.


Die Nutzung von BNE:Kriterien in archäologischen Einrichtungen kann dabei viele
Formen und Methoden umfassen. Beispielhaft können durch die im Folgenden
aufgeführten Themenkomplexe und Vermittlungsansätze Bezüge zur Agenda 2030
und den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen hergestellt werden:


Bedrohte Nutztiere und Nutzpflanzen (Ernährung),
Verständnis für fremde/historische/„archäologische“ Völker (auch im kritischen
Vergleich mit heutigen indigenen Völkern außerhalb Europas),
Probleme durch (intensive) Landnutzung/Landwirtschaft früher und heute,
Historische Kulturlandschaften – (regionale) Kennzeichen, Erhaltung und
Pflege (nachhaltiges Management),
Bauen und Wohnen in der Steinzeit (Nutzung von Naturmaterial wie Lehm,
Holz etc.),

Kritische Auseinandersetzung mit der Mensch-Umwelt-Beziehung in der
Vergangenheit (Erlangung von Schlüsselkompetenzen).

Diese Liste kann beliebig fortgeführt werden und illustriert wie BNE gerade auch im
archäologischen Bildungsbereich konkret umgesetzt werden kann und sollte. Auch
die Archäologie als Wissenschaft ist im Übrigen betroffen, denn die
ethnoarchäologische Feldforschung findet speziell auch im Bereich der traditionellen
Techniken (im Sinne immateriellen Kulturerbes) durch die fortschreitende
Globalisierung kaum noch ausreichende Ansatzpunkte für verschiedene
Fragestellungen vor. Dringender Handlungsbedarf ist hier gegeben.

 

Zur Vermittlung von Schlüsselkompetenzen im archäologischen Kontext

Sowohl die Archäologie als auch die Ethnologie beschäftigen sich als Disziplinen mit
den natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, mit der Nutzung von Ressourcen
und mit den Möglichkeiten der Anpassung an diese bzw. mit der Manipulation
derselben. Der BNE-Ansatz bei der Vermittlung archäologischer Themen ermöglicht
nicht zuletzt in Kombination mit der Ethnologie neue Zugänge zu diesen auch für den
modernen Menschen bedeutenden Grundfragen des Daseins; es kann eine erhöhte
Wertschätzung körperlicher Arbeit zur Folge haben und bezieht die in der BNE häufig
vernachlässigte zeitliche Dimension in die Betrachtung mit ein.

Vor allem aber auch der besondere Blick der Archäologie auf „das Fremde“ – der in der Zeit und nicht
unbedingt im Raum geschieht – kann zum Verständnis, zur Achtung und im besten
Falle zur Toleranz anderer (eben auch vergangener) Kulturen führen. Dies ist die
Stärke und kann zukünftig der spezifische Beitrag der Archäologie zum
Themenkomplex BNE sein, den die Ethnologie in einer solchen historischen Tiefe
nicht zu leisten imstande ist.


BNE-Angebote im Steinzeitpark Dithmarschen

Wie kann ein solcher Anspruch konkret in einer archäologischen Einrichtung
umgesetzt werden? Bei den pädagogischen Veranstaltungen des Steinzeitparks
Dithmarschen in Albersdorf bilden jeweils ein handlungs- und ein erlebnisorientierter
Teil den Schwerpunkt des Programms. Generell finden diese Angebote in der weit
gehend authentischen Lernumgebung des „Steinzeitdorfes“ statt und bestehen
immer aus einem einführenden instruktiv-erläuternden Teil von Seiten der
betreuenden Pädagog/innen und einem konstruktiv-praktischen Teil auf Seiten der

Teilnehmer/innen. Durch die Programme sollen die Sachkompetenz (Wissen und
Einsichten), die Methodenkompetenz (Fertigkeiten und Techniken), die
Sozialkompetenz (Verhalten in der Gruppe und interaktives Handeln) sowie die
Selbstkompetenz (selbstverantwortliches Handeln) der Teilnehmer zu den
spezifischen, im Steinzeitpark dargestellten Themen verbessert werden. Bei all
diesen Kompetenzen handelt es sich um Schlüsselkompetenzen im Sinne der BNE,
die zur Lebensqualität beitragen können, die in verschiedenen zentralen
Lebensbereichen anwendbar sind und die für alle Individuen eine Relevanz besitzen.
Mit verschiedenen, für die damalige Zeit typischen Rohstoffen und Werkzeugen
werden deshalb im Steinzeitpark durch eine möglichst authentische Arbeits- und
Herstellungsweise die tägliche Arbeit der Steinzeitmenschen praktisch dargestellt
sowie pädagogisch akzeptable, teilweise von ethnologischen Vorbildern beeinflusste
Kopien von Geräten hergestellt, welche so die historischen Lebens- und
Umweltbeziehungen besser verständlich machen können. Durchschauen und
Verstehen stehen als Vermittlungsprinzip im Vordergrund.

Es wird außerdem bei der Durchführung der Programme darauf geachtet, dass durch entsprechende Motivation
vor Beginn des praktischen aufgabenorientierten Arbeitsteils und einen
altersgemäßen Schwierigkeitsgrad die subjektive Wahrscheinlichkeit von Erfolg für
die Kinder recht hoch ist.

Die pädagogischen Programme im Steinzeitpark werden regelmäßig überprüft und
thematisch um bestimmte Themen erweitert. Alle aktuellen Angebote finden sich auf
unserer Homepage
www.steinzeitpark-dithmarschen.de.

 

Literatur und Weblinks:

R. Kelm 2006:
Die frühe Kulturlandschaft der Region Albersdorf – Grundlagen,
Erfassung und Vermittlung der urgeschichtlichen Mensch-Umwelt-Beziehungen in
einer Geestlandschaft.
EcoSys – Beiträge zur Ökosystemforschung, Suppl. Bd. 45 a
(Kiel 2006).

Zu den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen:
https://17ziele.de
www.bundesregierung.de/themen/nachhaltigkeitspolitik
www.schleswig-holstein.de/themen/UmweltNatur/Nachhaltigkeit/Start/_documents/agenda2030_nachhaltigkeitsziele.html
Zur Zertifizierung von Bildungsakteuren in Norddeutschland als BNE-Einrichtung:
www.nun-zertifizierung.de